Ökosysteme im Gesundheitswesen

Warum „Mut zur Lücke“ gut ist und wie man Sackgassen vermeidet

Von Christian Hammann, Fabian Brüning und Pascal Frank

Anmerkung: Dieser Artikel ist der vierte Teil der Artikelserie «Digitalisierung – Das Gesundheitswesen auf dem Weg der Besserung».

Ökosysteme im Gesundheitswesen – Warum „Mut zur Lücke“ gut ist   und wie man Sackgassen vermeidet.

Die Digitalisierung in der Gesundheitsbranche ist auf einem Höhenflug. Neben staatlichen Förderprogrammen und regulatorischen Verpflichtungen das Gesundheitssystem zu digitalisieren, sind die beiden Hauptgründe die neu auf dem Markt strömenden Ökosysteme und die zunehmende Akzeptanz der Patienten sich auf digitalisierte Ökosysteme einzulassen.

Beispielsweise zeigen Untersuchungen1, dass bereits 75% der befragten Personen heute frei verfügbare Gesundheits- und Fitness Apps nutzen. Über 50% der befragten Personen können sich vorstellen, sich einem Gesundheits-Ökosystem anzuschliessen, um etwa Video-Sprechstunden mit ihrem behandelnden Arzt durchzuführen oder elektronische Rezepte zu erhalten und zu nutzen. Und über 73% der befragten Personen in nahezu allen Altersgruppen können sich vorstellen, eine elektronische Patientenakte zu führen.

Aber was ist eigentlich ein Ökosystem?

Ursprünglich aus der Biologie, lässt sich ein Ökosystem als offener, dynamischer Komplex von Gemeinschaften innerhalb einer erfassbaren Umgebung verstehen, welche als funktionelle Einheiten in Wechselwirkung und Abhängigkeit stehen2. Wesentlich sind dabei ausgeglichene Wechselwirkungen, so dass das Ökosystem stabil funktioniert. Dabei muss es gegenüber inneren, wie auch äusseren Einflüssen so robust sein, dass das Zusammenspiel im Ökosystem jederzeit stabilisiert werden kann.

In der Natur verlaufen solche Prozesse, die zur Entstehung eines Ökosystems führen, organisch über eine sehr lange Zeit, wobei die Evolution eine unbeschreibliche Vielzahl von Ökosystemen hervorgebracht hat (und ebenso viele Ökosysteme untergehen lassen hat).

Übernehmen wir die Systematik des Ökosystems nun in den Gesundheitsmarkt, so werden in unserer heutigen schnelllebigen Zeit einige Punkte deutlich:

Health-Ökosysteme entstehen nur gezielt und anorganisch!

Kleinere Anbieter, wie Docbox, Bluecare oder Post-E-Health haben sich aufgemacht, Kommunikationsplattformen aufzubauen, damit Arzt, Patient oder Versicherung im Sinne einer optimalen End-to-End Patientenorientierung möglichst digital auf einer Plattform miteinander kommunizieren können. Aber auch grosse internationale Technologiekonzerne, wie Google, Amazon, Microsoft oder Apple haben den Markt für sich entdeckt und begründen eigene Wege, wie in nächster Zeit volldigital die Vernetzung aller Player im Gesundheitssystem stattfinden kann. Dabei stehen nicht nur die herkömmlichen Bedürfnisse der digitalen Kommunikation im Falle einer Arztbehandlung im Fokus, sondern es geht auch um die Nutzung von Smart Devices zur Erfassung des Gesundheitszustandes der Patienten und die daraus mögliche Unterstützung von Krankheitsdiagnosen und Behandlungswegen.

GAFAM: Google, Amazon, Facebook, Microsoft - Wie sich die grossen Technologieanbieter im Markt positionieren
Wie sich die grossen Technologieanbieter im Markt positionieren

Hinzu kommt, dass regulatorisch gewisse Ökosysteme vorgegeben sind, um z.B. die Elektronische Patientenakte nutzen zu können.

So schnell, wie sie kommen, so schnell gehen sie wieder.

All die neuen Anbieter von Gesundheits-Ökosystemen wollen also etwas abbekommen vom grossen Kuchen. Und hier kann man erneut eine Analogie aus der Biologie übernehmen: „Survival of the Fittest“ – nur die am besten angepassten werden überleben.

Werden die regulatorischen Anforderungen hinsichtlich des Datenschutzes, der Transparenz und Freizügigkeit für die grossen internationalen Anbieter zu hoch, könnte der lokale Markt für sie unattraktiv werden. Es wäre nicht das erste Mal, dass grosse Anbieter hohe Millionenbeträge in neue Produktideen investieren, nur um dann das neue Produkt mangels ausreichender Gewinnmarge vom Markt zu nehmen. Kleineren Anbietern hingegen könnte unterwegs die Luft ausgehen. Vor allem dann, wenn sich eine Mehrheit von Kunden zu einem alternativen Ökosystem hin orientiert.

Mit diesem Hintergrund sollte man also gar nicht erst seine Digitalisierung auf ein Ökosystem ausrichten?

Es wäre falsch, sich davon aufhalten zu lassen.

Dafür ist das Potential, welches in der patientenorientierten Zusammenarbeit und dem Austausch innerhalb der Ökosysteme liegt, viel zu gross.

Genauso falsch wäre es, sich nur auf ein einziges Ökosystem einzulassen, decken doch viele Ökosysteme unterschiedliche Aspekte ab, von der reinen Kommunikation bis zur Erfassung von Gesundheits- und Lebensdaten.

Wichtig: Die eigene Digitalisierungsstrategie.

Wo möchte ich hin? Was möchte ich digitalisieren im nächsten Jahr, in drei Jahren und in fünf Jahren? Wie sieht meine Ziellandschaft aus, auf der ich als Partner im Gesundheitswesen meine relevanten Geschäftsprozesse abbilde und wie sieht meine End-to-End Patientenorientierung aus?
Wenn diese Überlegungen getroffen sind, können gezielt Ökosysteme evaluiert werden ohne dass man am Ende mit einer teuren und ineffektiven Vielzahl an unterschiedlichen Plattformen und Lösungen dasteht.

Ebenfalls wichtig: Geeignete Ökosysteme sind offen und basieren auf Standards.

Dies bedeutet, es sollten keine Gruppen innerhalb des Gesundheitsmarktes von vornherein ausgeschlossen werden. Ebenfalls wichtig ist der Einsatz von Standards. Idealerweise kann z.B. ein Arzttermin, welcher aus einem Ökosystem heraus erstellt wird in einem anderen Ökosystem empfangen und verarbeitet werden und umgekehrt. Dafür haben sich über die Jahre innerhalb der technischen Lösungen im Gesundheitsmarkt Standards zu Schnittstellen, aber auch zu bildgebenden Verfahren und zu Dateiformaten gebildet. Werden diese in einem gewählten Ökosystem berücksichtigt, dann ist das Risiko, sich in eine Sackgasse hinein zu digitalisieren, stark vermindert.

Labyrinth: Bei der Auswahl eines Ökosystems sind Sackgassen zu vermeiden.
Bei der Auswahl eines Ökosystems sind Sackgassen zu vermeiden.

Wenn es den Technologieanbietern gelingt, ihre Ökosysteme so offen und standardisiert zu gestalten, dass einzelne Plattformen in Symbiose zueinander genutzt werden können, anstatt sich gegenseitig zu konkurrenzieren und auszuschliessen, dann gibt das dem Gesundheitsmarkt die übergreifende, nachhaltige und effektive Digitalisierungsbasis, welche so dringend benötigt wird.

Quellen:
1 Bitcom Research 2020
2 https://de.wikipedia.org

Freuen Sie sich auf unseren Folgeartikel im nächsten Monat, welcher einen zentralen Punkt im Gesundheitsmarkt beleuchtet: Welchen Einfluss hat die Digitalisierung aus Mitarbeitenden Sicht? Wie können gute Fachkräfte geworben und gehalten werden?

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